Stadtwerk 2036: Die digitale Transformation als entscheidender Hebel

7 Minuten Lesezeit
11.06.2026

 

Im ersten Teil der Serie „Stadtwerk 2036“ haben wir zwei Zukunftsbilder skizziert. Das unsichtbare Stadtwerk im Hintergrund und das intelligente Stadtwerk als aktiver Gestalter der klimaneutralen Kommune.

Darauf aufbauend richten wir den Blick nun auf einen entscheidenden Hebel für das Zielbild des intelligenten Stadtwerkes: die digitale Transformation.

In diesem Beitrag zeigen wir Ihnen...

  • … welche Rolle Daten für die Leistungsfähigkeit von Stadtwerken spielen und wie sie diese Ressource strategisch managen

  • … warum Plattformarchitekturen klassische IT‑Silos ablösen müssen und zur Grundlage eines integrierten Betriebsmodells werden

  • … wie durchgängige End‑to‑End Prozesse Effizienz, Skalierbarkeit und Geschwindigkeit ermöglichen

  • … in welchen Anwendungsfeldern Künstliche Intelligenz bereits heute messbare Wirkung zeigt

  • … wie Stadtwerke ihren digitalen Reifegrad systematisch bestimmen und als Grundlage für eine wirksame Steuerung der Transformation nutzen können

 


Digitale Transformation – mehr als ein Software-Projekt

Die digitale Transformation von Stadtwerken umfasst einen grundlegenden Umbau der Wertschöpfungssysteme und ist damit deutlich mehr als die Umsetzung einzelner Technologie- oder Softwareinitiativen. Sie beeinflusst unmittelbar, wie Stadtwerke gesteuert werden, wie wettbewerbsfähig sie bleiben und welche Rolle sie als Stadtwerk langfristig im kommunalen Ökosystem einnehmen.

Die Leistungsfähigkeit von Stadtwerken definiert sich immer stärker über die Qualität ihrer digitalen Infrastrukturen. Sie verknüpfen Daten, Systeme und Prozesse und ermöglichen so den gezielten Einsatz moderner Technologien wie Künstlicher Intelligenz. Die bloße Verfügbarkeit dieser Bausteine reicht allerdings nicht aus; erst ihre konsequente Integration in den operativen Alltag macht den Unterschied.

Die (digitale) Transformation beschreibt vor diesem Hintergrund den Übergang zu einem neuen Betriebs‑ und Steuerungsmodell, in dem Organisation, Technologie und Arbeitsweisen neu aufeinander ausgerichtet werden. 

Die folgenden Abschnitte zeigen anhand von 5 ausgewählten Themenfelder aus unserer Projektpraxis, wie sich dieser Wandel konkret vollzieht. Außerdem betrachten wir, wo heute Stolpersteine liegen und welche Hebel darüber entscheiden, ob Stadtwerke ihre Relevanz sichern oder schrittweise an Bedeutung verlieren.



1. Datenmanagement wird zur strategischen Kernkompetenz

In unserem Stadtwerk 2036 sind Daten nicht mehr nur ein Nebenprodukt operativer Prozesse. Sie entwickeln sich immer stärker und schneller zur zentralen Grundlage für Steuerung, Effizienz und Innovation.

Dieser Trend wurde von der Branche zumindest auf konzeptioneller Ebene erkannt. Rund 61 % der Energieversorger verfügen bereits über eine Digitalisierungsstrategie, welche Aspekte des Datenmanagements aufgreifen. Gleichzeitig fehlt jedoch bei rund 80 % ein durchgängiges Zielbild, wie Daten konkret entlang der operativen Prozesse erhoben, verarbeitet und ausgewertet werden sollen.¹


Diese Lücke wird für „klassische“ Stadtwerke zunehmend kritisch, denn Energie-Startups und Neo-EVUs treiben die Monetarisierung und Kundenzentrierung von und mit Daten aggressiv voran. Ein konkretes Beispiel, welches diese Entwicklung eindrucksvoll verdeutlicht ist die Speicherung und Verarbeitung von Zählerdaten aus Smart Metern.

  • 2024 wurde die Marke von 1 Million installierter Smart Meter erreicht²

  • Bis 2032 soll der flächendeckende Rollout abgeschlossen sein, was bei einem Stadtwerk mit 25 Tsd. Messlokationen und viertelstündlicher Übertragungsfrequenz 2,4 Mio. erzeugte Datenpunkt pro Tag (!) bedeutet³ 

Die Herausforderung liegt also nicht in der Datenerzeugung. Im Mittelpunkt steht die Integration, die Sicherstellung der Datenqualität sowie die konsequente Nutzung von Daten.

In der Praxis erleben wir, dass insbesondere die fehlende Qualität und Verlässlichkeit in vielen Stadtwerken einer weitreichenden Nutzung von Daten im Wege stehen. Dabei existieren längst erprobte Lösungsansätze aus anderen Branchen. Cloudbasierte Datenplattformen wie Databricks schaffen dabei eine zentrale Grundlage für eine strukturierte, transparente und qualitativ hochwertige Datenlandschaft. Sie bündeln zentrale Funktionen wie Datenverarbeitung, -speicherung und -analyse in einer einheitlichen Architektur. Gleichzeitig integrieren sie Data Engineering, Analytics und KI nahtlos und ermöglichen so eine deutlich effizientere Datennutzung.  

Für Stadtwerke bedeutet das:

Datenmanagement wird zur strategischen Kernkompetenz.  

Wer Daten nicht durchgängig verfügbar und nutzbar macht, verliert mittelfristig die Fähigkeit, Netze und Kunden effizient zu steuern sowie neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

 

2. Plattformarchitekturen ersetzen gewachsene IT-Silos

Die Systemlandschaft vieler Stadtwerke ist historisch gewachsen und über Jahre hinweg entlang einzelner Fachbereiche und Funktionen optimiert worden. Wir beobachten bei vielen unserer Klienten stark fragmentierte Systemlandschaften mit durchschnittlich mehr als 15 unterschiedlichen IT‑Systemen – von Netzleitsystem und SCADA über Abrechnung bis hin zu CRM‑ und Fachanwendungen.

Prozess- und Medienbrüche innerhalb solch fragmentierter Systemlandschaften verursachen heute in vielen Organisationen erhebliche Reibungsverluste. Hohe Integrationsaufwände, redundante Datenhaltung und komplexe Schnittstellenarchitekturen binden dabei erhebliche Ressourcen. Gleichzeitig begrenzen sie zunehmend die Möglichkeiten zur Skalierung, Automatisierung und datenbasierte Steuerung. Was lange Zeit funktional ausreichend war, wird unter den Anforderungen der kontinuierlichen Digitalisierung zu einem limitierenden Faktor für die operative Leistungsfähigkeit.

Das Zielbild einer zukunftsfähigen IT‑Architektur ist daher nicht die weitere Optimierung einzelner Anwendungen, sondern der schrittweise Übergang von isolierten Einzellösungen hin zu integrierten Plattform‑ und Cloud-Architekturen.

In der Praxis zeigt sich heute bereits, dass dieser Paradigmenwechsel messbare Effekte erzielt:

  • Durch konsolidierte Datenarchitekturen und standardisierte Schnittstellen können operative und analytische Daten teilweise bis zu doppelt so schnell bereitgestellt werden

  • Durch zentrale Datenhaltung und integrierte Lösungen wird die Datenqualität erhöht und Datenfehler können um mehr als 30 % reduziert werden⁴ 

  • Energieversorger realisieren durch Plattform‑ und Cloud‑Ansätze Einsparungen von über 10 % bei den laufenden IT‑Betriebskosten (OPEX)5

Über diese Effizienzgewinne hinaus unterstützt eine Plattformarchitektur eine weitere strategische Option: Sie vereinfacht unternehmensübergreifende Kooperationen über gemeinsam genutzte Software‑Lösungen oder geteilte Datenräume. Dadurch ergeben sich für Stadtwerke neue Möglichkeiten, Skaleneffekte zu realisieren und Investitionen zu teilen. Gleichzeitig können sie sich gezielt in kooperativen digitalen Ökosystemen positionieren.

Für Stadtwerke bedeutet das:

Die Zielarchitektur der eigenen Systemlandschaft muss konsequent auf Plattformprinzipien ausgerichtet werden.

Wer weiterhin auf individuelle Schnittstellen und Einzellösungen setzt, wird die notwendige Geschwindigkeit und Skalierbarkeit nicht erreichen.

 

3. Digitale End-to-End Prozesse werden zum neuen Standard

Die Effekte der digitalen Transformation können sich nur dort voll entfalten, wo die Prozesse es zulassen. In vielen Stadtwerken wird dieses Potenzial jedoch durch fragmentierte Abläufe begrenzt, die historisch gewachsen sind und nicht entlang eines durchgängigen digitalen End-to-End Verständnisses organisiert sind. 

Typische Muster, die wir in zahlreichen Projekten beobachten, sind unter anderem:

  • Netzanschlussprozesse, die ohne übergreifende Steuerung durch mehrere Organisationseinheiten und IT‑Systeme geführt werden

  • Medienbrüche zwischen Planung, Bau und Betrieb, die zu Informationsverlusten führen und eine konsequente Automatisierung verhindern

  • Manuelle Übergaben zwischen IT‑Systemen im Kundenservice und Vertrieb, die Synergien begrenzen und eine ganzheitliche Kundenbetreuung erschweren

Solche Prozessbrüche verlängern Durchlaufzeiten, führen häufiger zu Fehlern und erschweren es, Abläufe zu automatisieren und zu skalieren. Prozesse bleiben dadurch beherrschbar, aber nicht leistungsfähig.

Das intelligente Stadtwerk setzt diesem Zustand ein konsequent anderes Prozessverständnis entgegen. Es etabliert durchgängig digitalisierte End-to-End Prozesse, die sich an Wertschöpfung und Datenflüssen orientieren, nicht an Abteilungsgrenzen. Damit entsteht die Grundlage für hohe operative Effizienz und reproduzierbare Prozessqualität. Bereits heute zeigt sich bei unseren Klienten, dass durchgängige digitale End‑to‑End Prozesse messbare Effekte erzielen.

Für Stadtwerke bedeutet das:

Prozessdesign muss radikal neu gedacht werden.

Wer Prozesse weiterhin entlang organisatorischer Silos optimiert, wird die notwendigen Effizienz- und Skalierungseffekte nicht erreichen. Prozesse verlaufen entlang konsistenter Datenflüsse und nicht mehr entlang historischer Organisationsgrenzen.

 

4. KI muss konsequent in täglichen Aufgaben verankert werden

Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie einer neuen industriellen Revolution. In der Energie Branche zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild. Zwar sehen rund 75 % der Energieunternehmen ein hohes Potenzial in KI‑Anwendungen, gleichzeitig gelingt es bislang nur einem Teil, den wirtschaftlichen Nutzen belastbar zu quantifizieren. Der Abstand zwischen Erwartung und realisierter Wirkung ist entsprechend groß.6 

Aus unserer Sicht lassen sich dafür vor allem drei strukturelle Ursachen identifizieren. Erstens besteht das Verständnis von KI-Nutzung meist nur in der Etablierung von unterstützenden Tools wie CoPilot oder ChatGPT. Zweitens verbleiben viele KI‑Initiativen in Stadtwerken in einem dauerhaften Pilot‑ oder Experimentiermodus und erreichen nicht den Übergang in den stabilen operativen Betrieb. Und drittens entfaltet Künstliche Intelligenz ihren tatsächlichen Mehrwert nur im Zusammenspiel mit konsistenten Daten und durchgängigen Prozessen. Genau in diesen Bereichen bestehen in vielen Stadtwerken weiterhin strukturelle Defizite – wie die vorherigen Abschnitte gezeigt haben.

Unabhängig davon zeichnet sich bereits heute klar ab, in welchen Anwendungsfeldern KI den größten Beitrag zur operativen Leistungsfähigkeit leisten kann. Diese Muster bestätigen sich wiederholt in unseren Projekten und Gesprächen mit Klienten:

  • KI‑gestützte Prognosemodelle im Netzbetrieb, im Handel und im Vertrieb erhöhen den Planungsgrad und verbessern die Entscheidungsqualität in einem zunehmend volatilen Umfeld

  • KI‑basierte Entscheidungs‑ und Optimierungssysteme ermöglichen eine effizientere Bewirtschaftung von Anlagen und Infrastrukturen über deren gesamten Lebenszyklus hinweg

  • Generative KI automatisiert manuelle Prozessschritte, insbesondere im Kundenservice und im Dokumenten‑ und Wissensmanagement, und adressiert damit gezielt den zunehmenden Ressourcen‑ und Fachkräftemangel

Für Stadtwerke bedeutet das:

Künstliche Intelligenz wird für Stadtwerke nur dann zu einem wirksamen Hebel der digitalen Transformation, wenn sie den Status eines Experiments hinter sich lässt und konsequent in konkrete, operative Prozesse integriert wird.

Voraussetzung dafür ist eine stabile und konsistente Datenbasis sowie klare Governance‑Strukturen. 

 

5. Transparenz ist die Voraussetzung für Steuerbarkeit

Mit zunehmender Digitalisierung wächst auch die Komplexität der Transformation selbst. Viele Stadtwerke steuern heute eine Vielzahl paralleler Initiativen, häufig ohne ein konsistentes Gesamtbild darüber, wie diese Aktivitäten zusammenwirken und auf ein gemeinsames Ziel einzahlen. Entsprechend begrenzt ist die Steuerungsfähigkeit.

Vor diesem Hintergrund hat FourManagement ein strukturiertes Bewertungsmodell zur Einordnung des digitalen Reifegrads von Stadtwerken entwickelt. Das Modell kombiniert industrieübergreifende Best Practices erfolgreicher Digitalisierungsprogramme mit unseren Erfahrungen aus zahlreichen Projekten im Stadtwerke‑ und Energieumfeld. Ziel ist es, Digitalisierung nicht abstrakt oder punktuell zu diskutieren, sondern entlang eines klar definierten, vergleichbaren Zielbilds transparent zu bewerten und gezielt zu steuern.

 

Das Modell betrachtet die digitale Transformation entlang von fünf zentralen Dimensionen:

  1. Digitale Services und Ökosysteme: Digitale Produkte, intelligente Netze und konsistente Kundenerlebnisse – von Self‑Service‑Portalen über skalierbare Mehrwertservices bis hin zu kooperativen Ökosystemlösungen.

  2. Kernsysteme und Prozessautomatisierung: Integrierte Systemlandschaften und automatisierte Prozesse ermöglichen durchgängige End‑to‑End‑Abläufe und bilden die Grundlage für einen stabilen, skalierbaren Betrieb.

  3. APIs und Vernetzung: Standardisierte Schnittstellen verbinden Systeme, Partner und Marktrollen zu einer leistungsfähigen Plattform und schaffen die Voraussetzung für die schnelle Integration neuer Anforderungen

  4. Datenfundament und Vertrauen: Einheitliche Datenmodelle, hohe Datenqualität sowie Sicherheits‑ und Compliance‑Mechanismen machen Daten verlässlich nutzbar und bilden die Basis für fundierte Entscheidungen und KI‑Anwendungen.

  5. Betriebsmodell und Befähigung: Klare Governance‑Strukturen, definierte Verantwortlichkeiten und messbare Prozesse verankern Digitalisierung im operativen Alltag und ermöglichen eine kontinuierliche Weiterentwicklung.

Jede der betrachteten Dimensionen wird anhand klar definierter Kriterien und Reifegrade bewertet. Dabei werden strategische Zielbilder, Architekturentscheidungen und Governance Ansätze konsequent mit ihrer tatsächlichen Verankerung im operativen Alltag abgeglichen. Auf dieser Basis entsteht die notwendige Transparenz, um zielgerichtete Maßnahmen abzuleiten und die digitale Transformation wirksam und übergreifend zu steuern.

Für Stadtwerke bedeutet das:

Digitalisierung braucht ein klares Navigationssystem.

Ohne Transparenz über den eigenen Standort und ohne messbare Zielgrößen bleibt Transformation schwer steuerbar und wird zum Zufallsprodukt statt zum gestaltbaren Veränderungsprozess.

 

Technologie ist nur die halbe Wahrheit

Technologien, Daten und Prozesse sind notwendige Voraussetzungen für digitale Transformation, garantieren ihren Erfolg in der Praxis jedoch nicht. Ihre Wirkung entfalten sie erst dann, wenn Organisationen Verantwortung neu denken, bestehende Silos aufbrechen und Veränderung konsequent umsetzen.

Genau hier fällt die Entscheidung: Bleibt die Transformation in der Umsetzung stecken oder führt sie zu messbaren Ergebnissen in der Praxis?

Im nächsten Beitrag dieser Artikelserie richten wir den Blick daher auf Organisation, Führung und Unternehmenskultur. Und gehen der Frage nach, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit digitale Leistungsfähigkeit nachhaltig zum Erfolgsfaktor wird.

 

NOCH MEHR ZU LESEN

Unserer Artikelreihe rund um das Stadtwerk 2036

 

Quellen:
¹ Kearney, BDEW, VSE, IMP³ROVE: Digital@Utility 2023, 2023

² SmartGridsBW, Vom Smart Meter Rollout zum Smart Grid Rollout, 2025 

³ BMWK, Gesetzlicher Smart-Meter-Rolloutfahrplan, 2023 

Eigener Erfahrungswert aus Klientenprojekten

 Bitkom Research, Cloud Report 2024, 2024 

Dena, Künstliche Intelligenz in der Energiewirtschaft, 2022 

4M-Frederik Scholing
Über den Autor
FREDERIK SCHOLING
Experte für die strategische Beratung zur digitalen Transformation des Energiesystems
Manager bei FourManagement

"Die digitale Transformation ist kein Nice-to-have, sondern eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende. In Netzen, im Messwesen und in der Energiebelieferung steigen die Anforderungen an Geschwindigkeit, Flexibilität und Transparenz kontinuierlich. Ohne ein stabiles digitales Fundament lassen sich diese Herausforderungen nicht bewältigen. Meine Überzeugung ist klar: Ein klimaneutrales und modernes Energiesystem funktioniert nur auf Basis einer konsequenten digitalen Transformation. Als Experte für die Digitalisierung der Energiewirtschaft unterstütze ich Unternehmen entlang der gesamten energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette dabei, ihr digitales Fundament strategisch, nachhaltig und praxisnah aufzubauen."
Vorheriger Beitrag
← Stadtwerk 2036